Einbeck (red). Wie bereits berichtet, hat die Kassenärztliche Vereinigung Niedersachsen (KVN) entschieden, die ärztlichen Bereitschaftsdienstpraxen am Bürgerspital in Einbeck und am Albert-Schweitzer-Klinikum in Northeim zusammenzulegen. Künftig soll der Bereitschaftsdienst ausschließlich am Standort Northeim angeboten werden. Die entsprechenden Räumlichkeiten stehen dort nach Angaben der KVN ab 1. Februar 2026 zur Verfügung.
Zur Begründung verweist die Bezirksstelle Göttingen der KVN auf zuletzt geringe Patientenzahlen in der Bereitschaftsdienstpraxis Einbeck sowie auf die räumliche Nähe beider Standorte. Ziel sei es, den Bereitschaftsdienst zu bündeln und die Belastung der Ärztinnen und Ärzte zu reduzieren. Die KVN betont zudem, dass die Entscheidung nichts mit den Mietkonditionen am Einbecker Bürgerspital zu tun habe.
Die Entscheidung sorgt jedoch im Landkreis Northeim für erhebliche Kontroversen. Aus nahezu allen politischen Lagern kommt deutliche Kritik. Vertreterinnen und Vertreter aus Stadt- und Kreispolitik fordern ein Umdenken oder eine Abkehr von der Entscheidung, da sie eine Verschlechterung der medizinischen Versorgung im ländlichen Raum befürchten.
CDU kritisiert Entscheidung deutlich
Die CDU-Stadtratsfraktion Einbeck bezeichnet die Schließung der Bereitschaftsdienstpraxis als nicht hinnehmbar. Nicht nur die Entscheidung selbst, sondern bereits das einsame Vorgehen seitens der KVN sei schlicht inakzeptabel. Man werde das für die Bürgerinnen und Bürger in der Region nicht einfach hinnehmen.
In einer Stellungnahme kritisiert die Fraktion insbesondere die fehlende Einbindung der Rats- und Kreispolitik und spricht von einer „einsamen Entscheidung“. Die Auswirkungen beträfen nicht nur Einbeck, sondern auch die Menschen im Raum Markoldendorf, Dassel und darüber hinaus.
Die CDU sieht die Landespolitik in der Pflicht, einer weiteren Ausdünnung der medizinischen Versorgung im ländlichen Raum entgegenzuwirken. Man müsse sich wehren, um eine weitere Entkopplung von der medizinischen Versorgung in der ländlichen Region deutlich und politisch entgegenzutreten, die CDU-Stadtratsfraktion in ihrer Stellungnahme zu dem überraschenden Beschluss zur Schließung der ambulanten Bereitschaftspraxis in Einbeck.
SPD Dassel sieht Scheitern des bisherigen Modells
Auch der SPD-Ortsverband Dassel äußert deutliche Kritik. Die SPD erinnert daran, dass frühere regionale Bereitschaftsdienste durch zentrale Strukturen ersetzt worden seien. Die nun beschlossene Schließung zeige aus Sicht des Ortsverbandes, dass dieser Weg gescheitert sei. Kritisiert werden unter anderem die eingeschränkte Erreichbarkeit der Rufnummer 116 117, das geringere Engagement in zentralen Bereitschaften sowie der fehlende öffentliche Personennahverkehr in Dassel an Wochenenden und in den Abendstunden.
SPD-Kreistagsfraktion fordert Umdenken
Die SPD-Kreistagsfraktion geht noch einen Schritt weiter. Fraktionsvorsitzender Uwe Schwarz kritisiert das Vorgehen der KVN als inakzeptabel und spricht von einer nahezu handstreichartigen Umsetzung innerhalb weniger Tage. Zuvor seien Öffnungszeiten reduziert worden, um anschließend mit geringer Inanspruchnahme die Schließung zu begründen. Auch der zwischenzeitlich eingeführte Fahrdienst sei wieder eingestellt worden.
Der Einbecker Kreistagsabgeordnete Peter Traupe sieht eine rein zahlenbasierte Entscheidung zulasten großer Teile der Bevölkerung. Gerade für Menschen aus den Ortschaften nördlich und östlich der Einbecker Kernstadt bis hin zum Sollingrand sei der Weg nach Northeim außerhalb der regulären Sprechzeiten kaum zumutbar. Für ältere Menschen sei die Erreichbarkeit der dann einzigen Bereitschaftsdienstpraxis im Kreisgebiet nahezu unmöglich.
GRÜNE warnen vor Folgen für Notfallversorgung
Auch Bündnis 90/Die Grünen warnen vor den Folgen der Entscheidung. Der Einbecker Kreistagsabgeordnete Hans-Joachim Nehring sieht eine deutliche Verschlechterung der Erreichbarkeit, insbesondere für Menschen ohne eigenes Auto oder mit eingeschränkter Mobilität. Zudem bestehe die Gefahr, dass Rettungsdienste und Notaufnahmen künftig häufiger in Anspruch genommen würden.
Das Einbecker Stadtratsmitglied Marion Christ verweist auf die Situation in den ländlichen Ortsteilen. Aus Dörfern wie Lüthorst betrage die Fahrzeit nach Northeim bereits rund 30 Minuten. Ohne eigenes Fahrzeug sei der Bereitschaftsdienst an Randzeiten und Wochenenden kaum erreichbar. Die Grünen fordern daher begleitende Maßnahmen wie verlässliche Fahr- und Unterstützungsangebote.
Kritik aus allen Reihen
Die politischen Vertreterinnen und Vertreter im Landkreis sind sich parteiübergreifend darin einig, dass die Entscheidung der Kassenärztlichen Vereinigung zu einer spürbaren Verschlechterung der medizinischen Versorgung führen könnte. Sie fordern daher ein Umdenken, um die wohnortnahe ärztliche Versorgung im ländlichen Raum dauerhaft sicherzustellen.