Einbeck (awin). Eine Veranstaltung der besonderen Art fand am Donnerstagabend, 29. Januar 2026, in der Multifunktionshalle in Einbeck statt. In Zeiten des immer stärker werdenden Einflusses der AfD und europaweit anderer rechtsnationalistischer Parteien diskutierten mit Philip Schlaffer und Axel Reitz zwei Extremismus-Aussteiger in einem Talk- und Dialogformat über Demokratie, Meinungsfreiheit, politische Streitkultur und gesellschaftliche Verantwortung. Unter Einbeziehung des Publikums brachte der Abend interessante sowie kontroverse Gespräche und Sichtweisen hervor und machte demokratische Auseinandersetzung erlebbar.
Offene Einblicke in Radikalisierung und Ausstieg
Über viele Jahre zählten Philip Schlaffer und Axel Reitz zu festen Größen in der deutschen Neonazi-Szene. Das gehört mittlerweile der Vergangenheit an. Heute sind die beiden Männer zwei der bekanntesten Extremismus-Aussteiger Deutschlands. Vor rund 60 Zuhörern, darunter Bürgermeisterin Sabine Michalek, der Landtagsabgeordnete René Kopka und die Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Einbeck, Anna Schäfer, berichteten sie offen und selbstkritisch über ihre persönlichen Lebensgeschichten, Radikalisierungsprozesse sowie ihren Ausstieg aus der rechtsextremen Szene.
Kontroverse Debatte um ein mögliches AfD-Verbot
Im Talkformat mit Dr. Lukas Pieper und Markus Gattermann nahm die Diskussion vor allem bei der Thematik rund um ein mögliches AfD-Verbot Fahrt auf. Man müsse den Leuten deutlich machen, wofür diese rechtsextreme Partei stehe – nämlich für eine Gefahr für Wirtschaft, Demokratie und Menschlichkeit, so Reitz. Laut Schlaffer würde ein AfD-Verbot die Menschen nicht zu den Parteien in der politischen Mitte zurückbringen: „Ein Verbot ist keine Lösung. Das treibt die wütenden Menschen nur noch mehr in den Extremismus.“ Dialog, Aufklärung und sichtbarer Widerstand seien der einzige Weg, um den Vormarsch der Partei zu unterbinden. „Wir müssen zeigen, dass wir mehr sind. Wir sind Demokraten – egal ob rechts, links oder aus der Mitte“, gab Reitz die Richtung vor.
Ursachen für den Erfolg der AfD
Den wachsenden Erfolg der AfD schieben beide Aussteiger auf große Fehler der Altparteien. „Die Leute sind genervt von Bürokratie, Verwaltung und dem Nichteinhalten von Wahlversprechen. Die Skepsis gegenüber demokratischen Institutionen ist groß“, erklärt Reitz. „In diesem Land wird von vielen Menschen alles negativ gesehen. Das fängt bereits im Elternhaus an. Den Kindern und Jugendlichen wird keine Perspektive aufgezeigt. Und auf Social Media reagiert die AfD, die online allen anderen Parteien voraus ist und Stimmen abgreift“, so Schlaffer.
Sprache, Werte und gesellschaftlicher Zusammenhalt
Dadurch, dass jahrelang Begriffe wie Heimat, Stolz, Ehre oder Patriotismus negativ von der Politik behaftet worden seien, habe sich die AfD diese Sprache zu eigen gemacht und locke damit viele Menschen, die nach Orientierung suchen. „Wir müssen diese Begriffe wieder mit Werten füllen und den Rechten entreißen. Wir müssen wieder ein intaktes Gemeinschaftsgefühl entwickeln, in dem Ehrlichkeit, Vertrauen, Respekt und Toleranz gelebt werden“, fordert Reitz.
Präventionsarbeit trotz persönlicher Bedrohung
Für ihren Ausstieg aus der Szene haben Schlaffer und Reitz einen großen Preis bezahlt. Polizeischutz gehört bei vielen ihrer Auftritte zur Selbstverständlichkeit. Genau wie dauerhafte Bedrohungen im realen Leben und über Social Media – nicht nur persönlich, sondern auch gegen Frau und Kinder. Gerade im Osten der Republik können sich beide nach eigener Aussage „nicht mehr frei bewegen“. Auch im Westen musste zuletzt eine Schulveranstaltung abgesagt werden, da es vorab Drohungen von Schülerseite gegeben hatte. Bereuen tun Reitz und Schlaffer ihren Schritt aus dem Extremismus jedoch keineswegs. Heute leisten sie wichtige Präventionsarbeit gegen Rechtsextremismus und Rassismus.
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