Bad Gandersheim/Berlin (red). Der frühere Intendant der Gandersheimer Domfestspiele, Georg Immelmann, ist tot. Der gebürtige Berliner starb im Alter von 90 Jahren am 12. Januar in Berlin nach langer Krankheit. Immelmann war in den Jahren 1991 und 1992 sowie von 1998 bis 2003 Intendant von Niedersachsens größtem professionellem Freilichttheater, das damals noch in städtischer Trägerschaft war.
„Georg Immelmann hat die Gandersheimer Domfestspiele geprägt wie kaum ein anderer Intendant vor ihm“, sagte der Aufsichtsratsvorsitzende Uwe Schwarz. Die Stadt Bad Gandersheim verlieh Immelmann 1998 den Kulturpreis für besondere Verdienste um das kulturelle Leben. „Unsere Stadt und vor allem unsere Festspiele verdanken Georg Immelmann sehr viel“, erklärte der Bürgermeister der Stadt Bad Gandersheim, Niklas Kielhorn.
„Meine Jahre in Bad Gandersheim waren der Höhepunkt meines ereignisreichen Theaterlebens“, schrieb Georg Immelmann noch 2018 zum 60. Jubiläum der Gandersheimer Domfestspiele. „Ich glaube schon an eine Langzeitwirkung, auch wenn Theater eine Kunst für den Augenblick ist, für die Mitwelt und nicht für die Nachwelt.“
Aufsichtsratsvorsitzender Uwe Schwarz lernte Georg Immelmann Ende der 1980er-Jahre in Wilhelmshaven kennen und war begeistert, als dieser bei den Gandersheimer Domfestspielen eingestiegen ist. Georg Immelmann hatte als Intendant der Landesbühne Nord eine große Reputation bei der damaligen Landesregierung unter Kulturministerin Helga Schuchardt, was auch für die Gandersheimer Domfestspiele sehr hilfreich war. „Georg Immelmann war in seiner Zeit ein Glücksfall für unsere Festspiele, er hat neue Impulse gesetzt, die teilweise noch heute Bestand haben. Die Entwicklung unserer Festspiele hat ihn bis zuletzt immer interessiert. Ich bin persönlich sehr dankbar, dass unser freundschaftlicher Kontakt nie abgerissen ist.“
Georg Immelmann begann in seiner Intendanz mit großer Begeisterung, die Domfestspiele nach außen zu öffnen. Er initiierte das erste Theaterfest, lud zu Probenbesuchen ein und intensivierte die Zusammenarbeit mit Schulen. Unter seiner Leitung wurde erstmals ein Theaterpädagoge ins Festspielteam geholt. 1991 überschritt die Besucherzahl zum ersten Mal die Marke von 50.000 vor dem Dom. Ein erweitertes Rahmenprogramm und die Stückauswahl mit „Romeo und Julia“, „West Side Story“ und „Ronja Räubertochter“ stießen auf großes Interesse. Dabei hätten die Domfestspiele 1991 fast gar nicht stattfinden können, weil die Domfassade infolge von Bauarbeiten vollständig eingerüstet war. Immelmann hatte die geniale Idee, in Abstimmung mit dem Bauherrn das Gerüst für seine drei Produktionen zu nutzen. Trotzdem verlängerte die Ratsmehrheit 1993 den Vertrag mit Georg Immelmann zunächst nicht.
Georg Immelmanns Neustart 1998 fiel dann in ein besonderes Jahr: die 40. Gandersheimer Domfestspiele mit dem Besuch des Bundespräsidenten Roman Herzog, Treffen ehemaliger Statisten des ersten „Jedermann“ – und die neue Zuschauertribüne. Hervorragende Sichtverhältnisse auf allen Plätzen und eine gute Akustik waren und sind bis heute das Ergebnis dieser weitsichtigen Planung. 1998 gab es auch wieder einen „Jedermann“, mit dem die Domfestspiele 1959 gestartet sind. Dieses Mal jedoch nicht vor, sondern in der Stiftskirche.
Georg Immelmann blieb seiner bewährten Mischung aus Schauspiel, Musical und Kinderstück in all seinen Gandersheimer Intendanzjahren treu. Er öffnete die Bühne vor der Stiftskirche auch für modernere Musicals wie „Evita“, „Hair“ oder „Jesus Christ Superstar“ und für die Welturaufführung des Musicals „Salome“ zum Millennium. Damit erschloss er auch jüngeren Zielgruppen den Zugang zum Gandersheimer Freilichttheater. Kam die Musik zuvor immer vom Band, wird seit 1999 bei Musicals ausschließlich Livemusik gespielt.
Mit dem Kloster Brunshausen und dem Kaisersaal bezog er weitere Spielstätten in die Domfestspiele mit ein. So gab es in Anwesenheit des Autors Bernhard Schlink im Kloster Brunshausen die Welturaufführung des Bestsellers und späteren Kinofilms „Der Vorleser“. Unvergessen sind auch „Die Dame mit dem Hermelin“ mit Irmgart Benesch, „Zurück nach Uskow“ mit Jochen Stern oder 2002 „Der Schmerz – Das Menschengeschlecht“ als Welturaufführung von Marguerite Duras und Robert Antelme.
Die „Gandersheimer Domfestspiele im Winter“ boten fünf Jahre lang Theater in der Vorweihnachtszeit, ergänzt durch Studioproduktionen, die zuvor im Sommer inszeniert worden waren. Immelmann gründete in Bad Gandersheim die „Musical Academy“, eine bis dahin in Deutschland einmalige Fort- und Weiterbildungsstätte für Musicaldarstellerinnen und Musicaldarsteller. Deren jeweils dreimonatiges Fortbildungsprogramm wurde vollständig von der Arbeitsagentur finanziert.
Nach seinem Abitur 1955 in Hannover studierte Georg Immelmann Theaterwissenschaft, Germanistik und Philosophie an der Freien Universität Berlin. Sein erstes Engagement fand er 1959 an der Landesbühne Hannover, zunächst als Regieassistent, später auch als Dramaturg und Regisseur. 1979 wurde er als Intendant an die Landesbühne Niedersachsen Nord in Wilhelmshaven berufen. 15 Jahre lang prägte Immelmann dort die Theaterarbeit an den weit voneinander entfernt liegenden Spielstätten im Nordwesten Deutschlands. Georg Immelmann arbeitete zudem als Gastregisseur an vielen deutschen Theatern, von Kiel bis Bamberg, von Krefeld bis Dresden. Bekannt sind rund 200 Inszenierungen.