Einbeck (red). Er mischt seine Farben selbst an, verwendet nicht die normierten Farbtöne aus der Tube, sondern wählt die eingesetzten Pigmente und Bindemittel sorgfältig aus. Reine Substanzen sind das Ziel von Wolfgang Ellenrieder. Diese lassen sich ganz dünn auf einen vorbehandelten Untergrund auftragen und entfalten dadurch eine besondere Strahlkraft. Absolut steuern lässt sich das alles nicht, das ist dem Künstler bewusst. Farbpigmente und Bindemittel können sich auch wieder entmischen.
Zwischen Kontrolle und Zufall
Versuch, Irrtum und scheinbares Scheitern: In den visuellen Kippmomenten wird der Kern der Ausstellung „try & error“ sichtbar, ein offener Prozess zwischen Konstruktion und Auflösung, zwischen Kontrolle und Zufall – ein permanentes Austesten von Möglichkeiten. „try & error“ lautet der Titel der Ausstellung von Wolfgang Ellenrieder, die bis zum 15. August in den Räumen der KWS Art Lounge in der Tiedexer Straße in Einbeck zu sehen ist.
„try & error“ ist nicht allein Ausstellungstitel, sondern beschreibt zugleich eine künstlerische Haltung, in der Sehen, Entscheiden und Neuordnen untrennbar miteinander verbunden sind. So entsteht ein vielschichtiges Zusammenspiel von Kunst und experimentellem Forschen, das Bezüge zu wissenschaftlichen Denkweisen erkennen lässt.
Drei Jahrzehnte künstlerischer Praxis
Mit Wolfgang Ellenrieder bringt die KWS Art Lounge erstmals die bislang gezeigte junge Kunst in einen Dialog mit einer international erfahrenen, über Jahre gewachsenen künstlerischen Position. Die Ausstellung „try & error“ markiert einen besonderen Moment in der Programmentwicklung der KWS Art Lounge. Sie versammelt Arbeiten aus drei Jahrzehnten künstlerischer Praxis und macht Wolfgang Ellenrieders prozessorientierte Arbeitsweise sichtbar – ein raffiniertes Spiel mit der Wahrnehmung.
Bildraum und Bildfläche verschmelzen, Motive wirken greifbar und lösen sich zugleich in weiche Unschärfe auf. Kippeffekte verschieben Nähe und Ferne. Größen verändern sich zwischen Mikro- und Makrokosmos. Großformatige Leinwände, in die die Betrachtenden förmlich eintauchen können, treten in der Ausstellung „try & error“ in Beziehung zu kleineren Formaten und werden durch Luftkissen-Objekte ergänzt.
Labor der Malerei
Wolfgang Ellenrieder nutzt die Mittel der Malerei, um Bildraum und Bildfläche ineinander fließen zu lassen. Vordergründig wirken die Motive – meist aus Flora und Fauna, molekularen Strukturen oder wie ein Blick durchs Mikroskop – plastisch und greifbar. Durch Farbverläufe, Lasuren und gestalterische Übergänge wie bewusst beschleunigtes Trocknen verschwimmen die Grenzen zwischen Figur und Grund, Zustände werden fixiert.
Der Künstler hat dabei seine meist großformatigen Leinwände auf dem Boden liegen, steigt auch mal auf eine Leiter, um das entstehende Werk von oben zu betrachten, und verwendet Pinsel, Roller, Besen ebenso wie Airbrush.
„Die genialen Dinge passieren nicht, wenn jemand linear einen Schritt hinter den anderen setzt und einer Methode folgt, sondern wenn jemand mal etwas ganz anderes ausprobiert“, sagte Stephan Krings, Head of Global Marketing & Communication der KWS, bei der Vernissage. „Dafür ist die Ausstellung eine schöne Inspiration.“
Kunst und Wissenschaft im Dialog
Die 14 gezeigten Werke Wolfgang Ellenrieders seien ein „Labor der Malerei und für die Gedanken“, in dem Versuche mal gelingen und mal nicht, so Reinhard Spieler, Direktor des Sprengel Museums Hannover, in seiner Einführung. Zu sehen seien meist vegetabile Formen, Vorstufen von Pflanzen, Stängel oder Molekülstrukturen wie durch ein Mikroskop betrachtet, die nicht einfach zuzuordnen seien. Die Größen verschieben sich. Die virtuellen Welten, die es so gar nicht gebe, seien im Kopf des Künstlers entstanden.
Geboren 1959 in München, studierte Wolfgang Ellenrieder von 1981 bis 1989 an der Akademie der Bildenden Künste München. Seit 2010 ist er Professor für Malerei an der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig. Seine künstlerische Praxis bewegt sich im Spannungsfeld von Malerei, Raum und Installation und wurde unter anderem in Leipzig, Berlin, Rotterdam, Zürich, New York, Rom und Melbourne gezeigt.
Künstlergespräch am 6. Juli
Für seine Arbeit erhielt er zahlreiche Auszeichnungen und Stipendien, darunter den Bayerischen Staatsförderpreis für Bildende Kunst sowie das renommierte Stipendium der Deutschen Akademie Rom Villa Massimo. Internationale Arbeitsaufenthalte führten ihn unter anderem nach London, Paris, Basel und Melbourne. Wolfgang Ellenrieders Werke befinden sich in bedeutenden öffentlichen und privaten Sammlungen in Europa und den USA, darunter die Bayerische Staatsgemäldesammlung und die Staatliche Graphische Sammlung München.
Die Parallelen in der prozesshaften Arbeitsweise von Wolfgang Ellenrieder und im Forschungs- und Züchtungsbereich eines forschungsbasierten Unternehmens wie KWS sind auch Thema eines Künstlergesprächs am Montag, 6. Juli, um 18.30 Uhr. In der KWS Art Lounge in der Tiedexer Straße sprechen Wolfgang Ellenrieder, der Autor und Kritiker Wolfgang Ullrich sowie Thomas Ehrhard, Leiter der globalen Forschung bei KWS, über die Gemeinsamkeiten von Kunst und Wissenschaft.
Die KWS Art Lounge ist donnerstags und freitags von 15 bis 18 Uhr sowie samstags von 10 bis 13 Uhr geöffnet.

Fotos: Julia Lormis, Wolfgang Ellenrieder